#19 An der Donau nach Ulm

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Die 19.Etappe findet vom 27.Mai bis 2.Juni 2026 in Bayern statt. Ich orientiere mich an der Donau. Von Neuburg a.d. Donau kommend fahre ich über Donauwörth, Gundelfingen, und Günzburg nach Ulm. Ich lege dabei insgesamt 152 km mit dem Fahrrad entlang der Grenze von südwestdeutschem Mittelgebirgsland und dem nördlichen Alpenvorland zurück. Damit erreiche ich nach der fränkischen die schwäbische Alb. Wer sich meine Etappe in der ursprünglichen Planung anschauen will, findet hier den Link zur Route (ohne meine Abstecher, Änderungen und Umwege) auf komoot:  (Die auf dieser sich öffnenden Seite befindlichen Fotos und Texte stammen von anderen Autor*innen.)

Wassermanagement 1.

Das hat mich neugierig gemacht, obwohl es weitab von meinem Weg an der Donau liegt. Doch es berührt mein Reisethema: das UNESCO-Weltkulturerbe „Augsburger Wassermanagement-System“. Dafür fahre ich zunächst weiter längs der Donau und den Auwäldern unterhalb des Deichs nach Donauwörth. Bei weiterhin ausgiebig scheinender Sonne ist der Weg durch die schattigen Auwälder sehr angenehm und nicht so öde, wie auf dem Deich entlang der kanalisierten Donau. 

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Donauauen bei Riedensheim
Meine Fahrgeräusche

Dort fahre ich so zwei bis drei Meter über dem Landschaftsniveau der Donauauen. Diese wurden vor Zeiten durch Hochwässer des Flusses regelmäßig feucht gehalten. Da die Donau zwischen Kelheim und Ulm durch den Deich und 15 Staustufen mit Kraftwerken aber stark reguliert ist, muss die „Bewässerung“ der Reste der ursprünglichen Auen heute künstlich durch aufwendige Wasserbauten geregelt werden. Die Auen würden samt Vielfalt der Tier- und Pflanzenwelt sonst auch noch verschwinden. Der Preis von Energiegewinnung und Hochwasserschutz ist ökologisch gesehen sehr hoch. 

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Fischtreppe am Laufwasserkraftwerk Donauwörth

Die Welt wird paradoxerweise kleiner und enger durch derartige Eingriffe. Die „neue Donau“ kann auch bis Kelheim nicht mehr von einer regulären Schifffahrt genutzt werden. Die Kraftwerke haben dafür keine ausreichenden Schleusen. Die Bundesschiffahrtsstraße beginnt erst an der Mündung des Main-Donau-Kanals flussabwärts. So sieht das Wassermanagement der Donau aus. In Donauwörth mache ich Quartier nicht weit der Mündung der Wörnitz in den breiten Fluss. Der Tag war wieder heiß geworden und die Fahrt länger als vermutet. Da bin ich froh, die Kühle des Abends in der ‚Hafenkneipe‘ weit ab irgendeines Hafens bei Bier und bayrischem Wurstsalat genießen zu können.

Wassermanagement 2.

In Augsburg will ich mir eine weitere Art von Wassermanagement anschauen, das sogar zum Weltkulturerbe erhoben wurde. Von Donauwörth bringt mich eine Regionalbahn in einer halben Stunde dorthin. Mit dem Fahrrad wäre es eine Tagesetappe am Lech entlang, einem wichtigen Wasserspender der Donau. Im Weltkulturerbezentrum „Augsburger Wassermanagement-System“ mitten in der Stadt lasse ich mir anhand eines übersichtlichen Modells die wichtigsten Informationen von einer Mitarbeiterin erläutern. Anschließend vertiefe ich diese mittels thematischer Videos, die mir einen Überblick verschaffen. Der Anfang des besonderen Umgangs der Augsburger mit dem Wasser liegt mehrere Jahrhunderte zurück und wurde trotz ständiger Konflikte und Interventionen der Stadt mit verschiedenen bayrischen Herzögen stetig ausgebaut. 

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Wasserkanal in Augsburg

Aus dem Lech wurde Brauchwasser für BürgerInnen und Handwerksbetriebe in verschiedene, die Stadt durchziehende Kanäle geleitet. Für Trinkwasser wurden später getrennt davon andere Kanäle von den Quellen des nahe liegenden Auwaldgebietes aus gebaut. So entstand ein besonderes System der städtischen Wasserversorgung. Pumpen, Brunnen, Kraftwerke, öffentliche Trinkwasserstellen und Kanäle als Teil eines großen Geflechts sind heute in der Gesamtheit als Welterbe erhalten. Das will ich mir im Stadtbild einmal näher anschauen, dafür bin ich hergekommen. Eigentlich. Doch ich entdecke auf dem Weg den stationären Markt der Stadt, den Stadtmarkt. Ich bin freudig überrascht, ich liebe diese Märkte. Nichts wie rein und staunen, damit hatte ich nicht gerechnet. 

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Im Stadtmarkt Augsburg

Zwei Hallen und einige Gänge mit festen Ständen dazwischen, herrlich. Das verlockt zu einer Stärkung vor meinem weiteren Rundgang. Der führt mich dann entlang der kleinen Kanäle, die die Stadt durchziehen. Sehr weit komme ich allerdings nicht mit meinem Entdeckungsgang am ersten Tag. Die Hitze macht mich müde und schlapp. Also komme ich am nächsten Tag noch einmal wieder und gönne mir eine kleine Wanderung durch den Stadtwald zum Lech und dem sogenannten Hochablass. Dort wird das Wasser des Flusses gestaut und in das Kanalsystem geleitet. Unterhalb des Stauwerks irren große Fische - Forellen? - umher. Eine Fischtreppe, um das Kraftwerks- und Wasserablassbauwerk zu überwinden, soll erst noch gebaut werden. So ganz nebenbei wird von hier auch der ‚Eiskanal‘, eine Kanu-Slalomstrecke, versorgt. Also viel zu tun für das „gezapfte“ Wasser. 

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Hochablass am Lech

Wassermanagement 3.

Es soll wieder ein heißer Tag werden. Daher um 5:00 Uhr aufstehen und früh losradeln. Unterwegs sehe ich hinter mir im Osten, dass die Sonne von blaugrauen Wolken verdeckt wird. Regenschleier ziehen sich von dort in die Landschaft. Das war nicht vorhergesagt! Der Regenradar zeigt tatsächlich Regenwolken auf mich zukommen. Nun denn, das Wetter muss ich nehmen wie es kommt. Entlang meines Weges an der Donau bleibt es jedoch trocken. Dann geht es wieder durch Orte, häufig an Radwegen neben stark befahrenen Straßen. Neben den üblichen Gewerbegebieten durchquere ich diesmal auch ruhige Wohngebiete mit kleinen Arealen archäologisch gesicherter  Römerbauten. Unter blauem Himmel erreiche ich mein Tagesziel Gundelfingen an dem mit klarem Wasser träge dahinziehenden Flüsschen Brenz.

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Die Brenz in Gundelfingen

Zum nächsten Tagesziel Günzburg wird es dann ein kurzer Ritt. Es geht abwechselnd durch die Auen und über den Deich. Einmal hilft mir ein Angler aus der Patsche, als mein bequemer Weg abrupt an einer steinernen Treppe zum Deich hoch endet. Beim Hochschieben entgleitet mir das Fahrrad zur Seite in den hohen Grasbewuchs. Nur mit dem geistesgegenwärtigen Handeln des Anglers just an dieser Stelle kriege ich mein Bike hochgeschleppt. Vielen Dank und weiterhin Petri Heil! Nachdem ich alles wieder an die richtige Stelle gerückt habe, fahre ich weiter und höre von der Seite her Donnergrollen. Von Nordwesten zieht sich der Himmel dunkel zu. Schnell schalte ich die zweite Stufe des E-Motors zu und mache ordentlich Gummi. Links mit dem vielen Wasser und rechts mit den vielen Bäumen ist es mir nicht geheuer, was, wenn hier Blitze niedergehen? 

Regen am Fenster zur Straße und abziehendes Gewitter

Das schwere Wetter ist gnädig und zieht vorbei. Doch kurz vor Günzburg taucht es wieder auf. Ich habe gerade am Hotel meinen Zugangscode erfragt und lade mein Gepäck ab, da klatschen schon die ersten dicken Tropfen herab. So geht es den ganzen Nachmittag weiter, Schauer auf Schauer. Zeitweilig schüttet es wie aus Eimern. So geht Wassermanagement auch, die natürlich Art der Wasserversorgung.

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In Günzburg am nächsten Tag

Nach Ulm.

Am nächsten Tag hat sich das Wetter beruhigt. Das ist auch für mich beruhigend. Denn die Vorstellung, bei so heftigem Regen in Gewitterstimmung durch den Auwald zu fahren, ist nicht sehr angenehm. Doch ich habe wieder einmal Glück. Mein Weg führt durch einen schattigen Mischwald, ein Wald, wie er im Buche steht. Er heißt an diesem Ort Nauwald, da er von der Nau durchflossen wird. Und dass das ein richtiger Wald ist, höre ich an den Klängen, die in ihm zelebriert werden. 

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Im Nauwald
Ton-Mix Im Auwald

Ich halte an, um einen Augenblick nur diesem Sound zu lauschen. Und die Luft! Selbst beim Schreiben dieser Zeilen weiten sich in der Erinnerung daran unwillkürlich meine Lungen und ich fange an, tiefe Atemzüge zu nehmen. Einfach herrlich! Wie dort auf dem Weg auch, ich kann einfach nicht anders. Am nächsten Bach ohne Namen halte ich noch einmal an, und nutze die Chance, mit einem Lappen, befeuchtet mit dessen klarem Wasser, mein Fahrrad von Staub und Dreck der letzten Tage zu säubern. Ich mache noch einen Abstecher zum ‚Leipheimer Moos’, einem früheren, für die Landschaft des Donaurieds typischem Niedermoor. Auf einem Steg solle man durch das letzte ursprüngliche Stück zur Anschauung hindurchgeführt werden. Doch der begehbare hölzerne Steg ist zusammengebrochen und gesperrt. Unverrichteter Dinge verlasse ich diesen Ort und verspüre mal wieder Heuschnupfensymptome. Das hat mir gerade noch gefehlt.

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Hochlandrinder im Leipheimer Moos

Wieder auf dem Deich an der kanalisierten Donau - welch ein Kontrast zum Auwald - passiere ich das für mich vorerst letzte, quer über den Fluss gebaute, Laufwasserkraftwerk. Dann hat mich der zunehmende städtische Verkehr wieder. Da meine Unterkunft gleich um die Ecke vom Ulmer Münster noch Mittagspause hat, setze ich mich in ein Cafe und genieße exzellente Küchlein zu starkem Americano. Die Annehmlichkeiten der Stadt eben.

Alte Schachtel.

Ich nutze die Zeit in der Stadt, um mich auf die letzte Etappe dieses Jahres vorzubereiten. Proviant, Zugänglichkeit des Ulmer Bahnhofs, Fahrplan, Online im nächsten Quartier einchecken und die dazugehörige Kurkarte freischalten. Danach vertraue ich mich dem Ulmer öffentlichen Nahverkehr an und lasse mich zu einem Besuch im Museum kutschieren. Das hat einen etwas sperrigen Namen: Donauschwäbisches Zentralmuseum. Ich erhoffe mir, dort einiges über die Geschichte der Donau zu erfahren und speziell über die Ulmer ‚Schachtel‘. Diese hat die spezielle Form einer Zille, also eines an der Donau weit verbreiteten Plattbodenschiffes. Dazu kommt bei der ‚Schachtel’ ein spezielle Art von Steuerrudern und einige Aufbauten. Die Bedeutung dieser Schiffsart für Ulm in der Geschichte der Stadt ist so groß, dass sie auf dem alten Rathaus abgebildet ist. 

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Rathaus mit Ulmer Schachtel

Das Spezielle bei diesen Booten, die neben Gütern auch Menschen transportierten, war, dass sie nur flussabwärts treiben konnten. Somit kamen sie als ‚Einwegschiffe‘ am Zielort - zumeist Wien - an und wurden dort weitergenutzt oder für die weitere Nutzung des Holzes auseinandergenommen. Und sie fuhren fahrplanmäßig wöchentlich ab. Für von Armut und Unrecht  aus dem Land getriebenen und von den österreichischen Königen eingeladenen Menschen - Donauschwaben - waren diese ‚Schachteln‘ Auswandererschiffe ins ungarische ‚Banat‘. Das alles war natürlich nur möglich, da die Donau zu der Zeit noch ohne große Wasserbauten durchgehend frei schiffbar war.

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Nachbau Ulmer Schachtel vor dem Museum

Frei begehbar für Fußgänger ist dann mein Weg vom Museum zurück in die Innenstadt nicht gerade. Unglücklich kommt der Fremdling auf der Suche nach der „Blau“, einem Zufluss der Donau in der Stadt, gerade dort an, wo sich Hauptverkehrsadern an der Überführung der Bahngleise des nahen Hauptbahnhofs treffen. Eine unüberwindlich scheinende Barriere. Ich muss lange suchen, bevor ich einen Zugang zum Wasserlauf finde, genau dort, wo er - unter Straße und Gleise verbannt - wieder ins Freie tritt. Und auch für den Fußgänger findet sich ein Weg unter den Straßen hindurch, unangenehm dunkel aber sicherer als drüber weg. So gelange ich beiläufig in das im wahrsten Sinne des Wortes pittoreske Fischerviertel. Besonders zwischen den beiden Flussarmen der “Großen Blau“. Ein touristisches Highlight wie es im Buche steht. Ach so, mit meiner Standortwahl am Ulmer Münster bin ich übrigens so mir nichts dir nichts in Baden-Würtemberg gelandet. Die Landesgrenze durchzieht mit der Donau die Stadt. Aber ab morgen bin ich wieder in Bayern unterwegs. 

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Im Ulmer Fischerviertel

Von mir verfasst im September 2026. Jetzt geht’s der nächsten Etappe entgegen. Bis dahin grüßt Euer „Alter Mann am Fluss“.