#16 Von der Saalequelle zum heiligen Berg

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Die 16.Etappe findet vom 4. bis 10.Mai 2026 in Bayern statt. Ich orientiere mich zunächst am Lauf der oberen Saale bis zu ihrer Quelle; danach an einigen kleineren Wasserläufen hinüber zur Schorgast und dem Weißen Main. Nach dem Zusammenfluss mit dem Roten Main lasse ich mir ab dort vom Main den Weg weisen. Von Blankenstein gelange ich so über Hof, Zell und Kulmbach nach Horsdorf bei Bad Staffelstein. Ich lege dabei insgesamt 157 km mit dem Fahrrad in Oberfranken zurück. Dabei verlasse ich das Thüringische Schiefergebirge und komme mit dem Fichtelgebirge und Frankenwald in den Bereich des thüringisch-fränkischen Mittelgebirges. Wer sich meine Etappe in der angepassten Planung anschauen will, findet hier den Link zur Route (ohne meine Abstecher und Umwege) auf komoot. (Die auf dieser sich öffnenden Seite befindlichen Fotos und Texte stammen von anderen Autor*innen.)

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Alter Grenzweg

Höhepunkt.

Auf der Weiterfahrt kann die Wegebeschaffenheit unterschiedlicher nicht sein und variiert ständig zwischen leicht und schwer befahrbar. Ein kurzes Stück habe ich den Eindruck, auf dem Grünen Band zu fahren. Das ist der touristische Wanderweg, der entlang der früheren Grenze zur DDR entstanden ist. Mein Anhaltspunkt dafür: die typischen Betonplatten mit den regelmäßigen Aussparungen. Den durch diese „Löcher“ entstehenden rhythmischen  Rütteleien kann ich nicht wirklich entgehen. Kommt für mich gleich nach den üblen Geröllstrecken auf der Strecke vor Blankenstein. Die Landschaft allerdings entschädigt für die Mühsal auf derartigen Wegen. 

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Blick vom Fahrradweg in die Landschaft

Vor mir breitet sich ein weites vielfältiges und intensiv frühjahrsgefärbtes Kulturland aus, mit Feldern, Wiesen und Äckern unterbrochen von Knicks und Bäumen. Am bläulich-diesigen Horizont bewaldete Höhen, darüber ein leicht bewölkter blauer Himmel. Ich atme intuitiv lange tief durch. Kurz nach dem Start hatte ich das Bundesland Bayern erreicht und erreiche hinter Hof den östlichsten Punkt meiner Reise. Die Saale wird schmaler und wirkt da und dort ein wenig unscheinbar. 

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Die Saale

Unterwegs begegne ich alten Mühlen, deren Räder von immerhin noch ausreichend Flusswasser vorzeiten hier angetrieben wurden. Die Gebäude, heute anders genutzt, wirken gut in Schuss gehalten. Sicherlich nicht einfach. Das Pedalieren wird bei über die Zeit abnehmenden Steigungen angenehmer. Dabei merke ich auf besser werdendem Geläuf nicht, dass ich fast den höchsten Punkt der bisherigen Reise erreicht habe.

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Die Fattigsmühle

Zur Quelle.

Ich erreiche den Ort Zell im Fichtelgebirge noch vor einem  vorhergesagten Regengebiet. Das wird dann am Abend von einem herannahenden Gewitter angekündigt und fällt vor dem Fenster meines Pensionszimmers mit einer blitzenden und krachenden Kulisse ergiebig aus.

Am nächsten Tag ist zunächst „große Wäsche“ mit meinem knappen Kleidungskontingent und das Säubern des Gepäcks angesagt. Darauf befinden sich eine Menge gelber Spuren des bis dahin „gesammelten“ feinen Staubs der Birkenpollen. Danach breche ich zur Saalequelle auf. Sie liegt nicht weit vom Ort entfernt auf etwas über 700 Metern Höhe und ist bequem zu Fuß auf einem Weg mit moderatem Anstieg erreichbar. Es ist ein gutes Gefühl für mich. Auf meiner jetzt weit über 2000 Kilometer lang währenden Reise bin ich zum ersten Mal einem Fluss von der Mündung bis zu seiner Quelle gefolgt. 

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Die Saalequelle

Der heute als Saalequelle gekennzeichnete Austritt des Quellwassers wurde im 19.Jahrhundert am Rande eines alten aufgegebenen Bergwerks aus Bruchsteinen eingefasst und dann im letzten Jahrhundert erneuert. Das Wasser wird durch einen geradlinigen Abfluss bis zu einem naheliegenden Abhang geleitet, wo es sich dann lautstark seinen eigenen Weg durch das Gelände bahnen darf. Auf dem Rückweg durch den dichten Wald mit seinen gerade gewachsenen Bäumen begegne ich der soeben „geschlüpften“ Saale wieder, die jetzt die Gestalt eines Baches angenommen hat, der aussieht wie unzählige andere seiner Art. So wie auch im Ort Zell selbst, wo die Saale noch ein unscheinbarer Dorfbach ist. Mittlerweile ergänzt aber durch einen ersten Zufluss, den Zollbach.

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Die Saale in Zell

Der kleine Ort Zell hat am Ortsrand ein kleines feines beheiztes Freibad mit freundlichem Personal. Offiziell hat der Verkauf am Kiosk noch nicht geöffnet, liegt der Tresen noch voller Werkzeug, ist der Chef noch am Bohren und Schrauben. Dennoch bekomme ich einen Kaffee. Wegen meiner vergessener Geldbörse sogar auf zinslosen Kredit und darf meinen Obolus auf Vertrauen - ich bin hier schließlich Fremdling - später abliefern. Was ich umgehend erledige, mit freiwilligen „Zinsen“. Im lokalen Supermarkt der neuen Art in der Ortsmitte läuft es anders. Dort gibt es kein Personal. Zugang und Bezahlung wird per EC-Karte erledigt. Die Eingabe meines ausgewählten Gebäckstücks in die Kasse gestaltet sich schwierig, da es keinen Barcode auf der Kruste hat und nicht in der angezeigten bunten Liste aufgeführt ist. Ich wähle daher das nächst ähnliche. Wird abgebucht, geht doch. 

Fauler Tag.

Komplizierter ist es in Zell mit den Öffis und mir. Bei unstetem Wetter will ich mit dem Bus in den nächsten größeren Ort fahren. Daraus wird nichts, der Fremdling steht an der falschen Haltestelle. Kann er ja nicht wissen, dass im Zuge einer Baustelle ein anderer Halt zuständig ist. Der Fahrplan verschweigt ihm nämlich, was ihm ein kundiger Einheimischer zuruft: dass der Bus zur Zeit hier nicht hält. Da ist der Bus an zuständiger Haltestelle schon weg. Der nächste käme in zwei Stunden. Jetzt schwant dem Fremdling etwas. Gestern sah er einen alten gebeugten weißbärtigen Mann an der Straße, der den Daumen zum Trampen in den Wind hielt und tatsächlich vom nächsten PKW mitgenommen wurde. Weil der den Bus auf die gleiche Weise verpasst hat? Ich verzichte auf Bus oder Trampen. Es wird so ein fauler Tag für mich, zum Lesen und Dösen, zum Zuhören auf schwärmende Bienen vor meinem Fenster. Darf auch mal sein. Übrigens: in meinem Gasthof gibt es eine Speisekarte, die zwar spärlich knapp ist. Dafür ist das aufgeführte Schnitzel, das mir serviert wird, frisch handgemacht und das beste, das ich je aß!

Abseits.

Meine ausgewählte Strecke hält heute eine Überraschung für mich bereit. Hinter Zell geht es mehr bergab als bergauf. Das Wetter ist anfangs kühl und feucht, bessert sich aber stetig. Unterwegs gibt es herrliche Aussichten über Berg und Tal.  Hinter mir über dem Fichtelgebirge hängen die Wolken noch tief über den Wäldern. In Fahrtrichtung bessert sich die Sicht. Für mich finde ich gute Fahrbedingungen vor, auf zumeist Asphalt komme ich gut voran. Doch ich habe mich verplant. An einem Zufluss der Schorgast will ich durch den Wald fahren. Meine App bahnte mir auch gehorsam den von mir gedachten Weg, ich folge ihm mit meinem Navi. Waldwege kann ich ja mittlerweile. Denkste was! Meine Planung entpuppt sich als blanke Theorie in Form von Wunschdenken. Ich komme zum Waldrand und finde mich mir nichts dir nichts auf tiefem Geläuf wieder. Feuchter sandiger Waldboden mit dichtem Bewuchs stoppt meine Fahrt. Hier ist schon lange niemand mehr vorbeigekommen, nicht mal eine Forstmaschine. Ich habe mich in die Irre führen lassen und bin im wahrsten Sinne des Wortes „vom Weg abgekommen“. Ich lasse mein Navi Navi sein und suche mir auf meinem Smartphone einen neuen Weg. Der ist jetzt zwar länger und nicht so idyllisch. Aber ich komme schneller voran. Das macht auch Sinn, da ich heute ausnahmsweise früh in meiner Unterkunft einchecken muss. 

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Wegweiser

Mein „Umweg“ führt mich statt auf einsamen Waldwegen auf glattem Asphalt durch einige Orte, in denen ich mein Proviant ergänzen kann. Habe in einer Fleischerei sogar noch Zeit für einen längeren Gedankenaustausch mit der Verkäuferin über das Reisen an sich und so weiter. Auf einem langen Fahrradweg durch ein immer enger werdendes Tal zwischen der Bundesstraße und der Bahnlinie auf der einen und der Schorgast auf der anderen Seite erreiche ich Kulmbach. Mittlerweile auch wieder mit Navi den Weg durch die Stadt hoch hinauf zu meiner Unterkunft. 

In Kulmbach ist „Hausarbeit“ zu erledigen: Diverse zu erledigende Einkäufe per Öffis in diversen Gewerbegebieten veranlassen den Fremdling in der unbekannten Stadt zu intensivem Studium diverser Fahrpläne und daraus folgenden langen Wartezeiten an unwirtlichen Haltestellen. Lasse mich einmal hoch und runter zur Plassenburg kutschieren. Dort ist wegen einer Veranstaltung vieles abgesperrt, außer einem weiten Blick über die Stadt gibt es für mich nichts interessantes zu sehen. 

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Der Weiße Main in Kulmbach

Am Main.

Von meiner Unterkunft in Kulmbach breche ich auf und erreiche nach kurzer Fahrt den Zusammenfluss der Wasser von Weißem und Rotem Main, die ab hier ohne rot-weiß schlicht als Main bezeichnet weiter fließen. Das Tal weitet sich. Die Mainauen sind geprägt von unzähligen Kiesgruben. Wo sich diese noch im Abbaubetrieb befinden, ist die Wegeführung durch Staub und Sand unangenehm. Viele sind jedoch als Gewässer zugänglich, dort ist der Weg besser. Ich treffe auf viele Petrijünger, die ihre Köder auf den Biß schmackhafter Fische hoffend ins Wasser halten. Da und dort befinden sich gestaltete Freizeitflächen und kleine Marinas mit entsprechender Infrastruktur. 

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Zusammenfluss von Rotem und Weißem Main

Auf  den weitläufigen Wiesenflächen, die sich den Fluss an meinem Weg entlang ziehen, begegne ich ungewöhnlich vielen Störchen. Eine so große Anzahl habe ich bis dahin noch nirgends gesehen. Die Außensitzplätze der kleinen Restaurants in den Orten, die ich durchquere, sind heute pickepacke voll. Es ist Muttertag und gutes Wetter und so sind viele Familien unterwegs. Da ich meine Wasserflaschen vorm Start nicht ausreichend gefüllt habe, mache ich in Marktzeuln an der Rodach einen kurzen Stopp beim örtlichen Griechen, um mir eine große Cola zu genehmigen. Ich habe Glück und finde im Innenbereich noch einen Platz im ansonsten gefüllten Restaurant.

Der heilige Berg.

Am Abend dann sitze ich entspannt im Biergarten meiner Unterkunft in Horsdorf bei Bad Staffelstein. Direkt neben mir rauscht der Mühlbach des Dorfes. Um mich herum sind alle Tische belegt. Die Menschen genießen den Abend und wie ich das fränkische Bier. Von meinem Platz aus habe ich einen freien Blick hinauf zum Staffelberg, dem Ziel meiner Wochenetappe. Ich fühle mich endlich in meiner Reise angekommen. Meine Stimmung ist gut, so kann es bleiben.

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Der Mühlbach in Horsdorf

Am Morgen weckt mich vor meinem Fenster eine Radaubruderschaft von Spatzen, um mir mitzuteilen, dass es heute ein nasser Tag werden soll. Ich schaue zum Himmel, über den sich dunkle Wolken schieben. Darunter zeigt sich der markante Staffelberg, einer von drei heiligen Bergen der Franken. Auf diesem etwas über fünfhundert Meter aufragenden Plateau wurden Besiedlungsspuren gefunden, die einige Jahrtausende zurückreichen. Religiöse Rituale wurden dort von den eingewanderten Kelten und Franken abgehalten. Seit dem Mittelalter steht dort - wieder aufgebaut - ein Kirchenbau für die heilige Adelgundis. Dort will ich heute hinauf. 

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Der Staffelberg

Bis zum schmalen Weg, der auf dieser Seite hinaufführt, ist es von Horsdorf ein Katzensprung. Unterwegs trifft mich ein Regenschauer. Er dauert genau so lange, wie ich brauche, um meine Regenkleidung überzustreifen. Also alles wieder rückwärts. Oben angekommen bin ich ungeschützt heftigem Wind ausgesetzt, der den Berg hinauf weht und über mir die Wolken schnell dahin ziehen läßt. Die mit den Regenschlieren darunter wandern links und rechts vorbei und verschonen mich. So genieße ich die wunderbare Aussicht und atme beim Blick in die südliche Ferne entspannt durch. 

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Frankenflagge über Bad Staffelstein

Die Sonne lässt dort den wandernden Wolken folgend kurz und knapp wie in einem Ausschnitt klar und deutlich Orte aufleuchten. Insbesondere die gelben Rapsfelder haben es ihr angetan. Ich umrunde einmal das weite Plateau und stelle mir vor, wie hier einst eine Menge Menschen in einer großen Siedlung gelebt haben könnten. Auf jeden Fall müssen sie gut zu Fuß gewesen sein, um sich hier oben mit dem Nötigsten zu versorgen. Später lebten hier im Schutz der Kapelle nur noch vereinzelt Eremiten. Die Versorgung der Touristen übernimmt heute eine Restauration, die so früh im Jahr allerdings gerade erst aus dem Winterschlaf geweckt wird. Es wird ordentlich gewerkelt. Ich schnacke kurz mit einer Gruppe Wandersfrauen. Dann steige ich wieder hinab. Ich will einen anderen Weg als den schmalen Steig nehmen. Es zieht mich in den Wald, wobei ich mich ordentlich verfranze. Macht aber nichts, dauert nur etwas länger. Keine über die Landschaft dahinziehende Regenwolke trübt meinen Weg. Am Fuß des Berges angekommen, lasse ich mich durch bunt blühende Wiesen treiben. 

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Wegweiser mit meinem Reiseesel

Von mir verfasst im August 2026. Auch hier müssen die Tondateien leider später nachgeliefert werden. Es folgt dann in Bälde der Beitrag zur 17.Etappe. Es grüßt Euer „Alter Mann am Fluss“.