Die 15.Etappe findet vom 27.April bis 3.Mai in Thüringen weiterhin im Tal der Saale statt. Von Jena aus erreiche ich über Uhlstädt-Kirchhasel, Saalfeld und Walsburg Blankenstein und lege dabei 160 Kilometer zurück. Damit verlasse ich endgültig die Nordwestdeutsche Tiefebene und komme in den Bereich der Mittelgebirgsschwelle mit dem Thüringisch-fränkischen Mittelgebirge. Wer sich die genaue Route - ohne meine Abstecher, Änderungen und Umwege - in meiner ursprünglichen Planung anschauen will, findet hier den Link zu komoot: (Die auf dieser sich öffnenden Seite befindlichen Fotos und Texte stammen von anderen Autor*innen.)
Keine Menschen.
Der Weg aus Jena hinaus zieht sich wie die Stadt selbst langgestreckt durch das Tal entlang der Saale. Später bin ich auf guten Wegen lange einsam und allein unterwegs. Selbst in meiner ersten Unterkunft nach Jena sehe ich keinen Menschen: den Zimmerschlüssel finde ich, sichtbar im Foyer in einem Briefumschlag mit meinem Namen versehen, für mich bereit gelegt. Am nächsten Morgen platziere ich ihn dort wieder und bin bis zu meiner Abreise niemandem begegnet.

Bahnbaustelle.
Auf der Weiterfahrt ändert sich das. Zunehmend sind Menschen, Alltagsradler zumeist, auf ihren Fahrrädern unterwegs. Und es kündigt sich an, was mich die nächsten Tage erwarten soll: gleich zu Beginn geht es eine Steigung von 12% hinauf. Mein E-Motor unterstützt mich dabei ausreichend, ich kann den Anstieg gut bewältigen.
Die Saale hat ihren Charakter geändert. Recht breit bleibt sie, aber ist sichtbar flacher geworden. Kiesel schimmern bräunlich vom Grund durch klares Wasser hindurch, Büschel grüner Wasserpflanzen bewegen sich im Kontrast dazu hin und her schwankend längs der Strömung. Schienen der Bahnlinie begleiten mich weiterhin über Kilometer. Auf einer sich lang hinziehenden Baustelle auf dem Bahndamm werden mit ohrenbetäubenden Warnsignalen aus einer langen Reihe von megaphonförmigen Lautsprechern herannahende Züge angekündigt. So ganz nebenbei machen sie auf diese Weise den weiten Raum der Tallandschaft akustisch erlebbar. Die Grillen auf den grünen Wiesen davor lassen sich in ihrem Zirpen davon nicht beeindrucken und musizieren munter weiter mit großem Orchester.

Die Baustelle auf den Gleisen will mir in ihrem Verlauf an einem Bahnübergang die Weiterfahrt auf dem geplanten Weg versperren. Ich ignoriere das, nach dem ich mich vergewissert habe, dass ich damit nicht der einzige Radfahrer bin. Ein Einheimischer fährt mir voran. Dann soll das wohl gehen. Doppelt und dreifach schaue ich mit schlechtem Gewissen rechts und links die Gleise entlang. Kein Zug zu sehen, kein Zug zu hören. Die Warnsignale schweigen. Ich unterdrücke meine sonstige Korrektheit im Straßenverkehr und überquere vorsichtig und aufmerksam aber fix die Gleise und vermeide damit einen langen Umweg. Zudem käme mein Navi mit derartigen Abweichungen nicht gut zurecht, würde mir verwirrte Signale senden, was dann wiederum zu Verwirrung auf meiner Seite führen würde.
Verwirrend sind auch die vielen dicken Rohrleitungen, die am Stadtrand von Rudolstadt neben und über der Straße auf meinem Weg auftauchen.

Sie führen aus dem größten Kraftwerk Thüringens für Wärme- und Energieerzeugung hinaus in die Landschaft. Unter anderem auch gleich zur benachbarten Papierfabrik Schwarza, wie viele andere Industriebauten auch im Saaletal direkt neben den Fluss errichtet.
Spargel.
Früh komme ich in Saalfeld an, das war heute eine kurze Fahrt. Kurz und früh bedeutet meistens auch, dass ich bis zum Bezug meines gebuchten Zimmers wo auch immer bis zum Nachmittag warten müsste. Das ist in der Regel frühestens ab 14:00 Uhr der Fall, wenn die Zimmer der Unterkunft für den neuen Gast hergerichtet sind. In Saalfeld habe ich Glück, das Zimmer ist schon zum Mittag bezugsfertig. Abends dann bin ich in Spendierlaune. Ich verpasse mit meiner langen Reise ja die Spargelsaison, die ich um diese Jahreszeit zuhause immer zelebriere. Endlich seit meinem Start in Halle leiste ich mir jetzt ein Spargelessen. Dazu probiere ich zum ersten Mal Wein aus dem Saale-Unstrut-Gebiet. Und der ist wirklich Klasse, so der passionierte Biertrinker das überhaupt beurteilen kann. Der Service in der gastlichen Stätte ist ordentlich, die Rechnung aber auch. Holla die Waldfee!
Im Berg.
Der Weg führt ordentlich nach unten, in schmalen niedrigen Gängen tief in den Berg hinein. Ich befinde mich mit anderen interessierten Menschen in einer Führung hinab in das ehemalige Alaunschieferbergwerk „Jeremias Glück“. Alaun ist ein wasserlösliches farbloses Mineralsalz, lasse ich mir nachher noch einmal vom Internet erklären. Es fand eine erstaunlich breite Anwendung: von der Gerberei über die Tuchindustrie bis zur Medizin. Es wurde hier in harter Arbeit der Kumpels gewonnen und aus dem Steinmaterial gelöst.

Das Bergwerk wurde Anfang des letzten Jahrhunderts geschlossen und wird heute als „Feengrotten von Saalfeld“ bis auf einen für die Gesundheit genutzten Heilstollen touristisch vermarktet. Die Highlights dieses Schaubergwerks liegen tief unten auf der zweiten und dritten Sohle. Dort öffnen sich große Höhlen, die Grotten, in denen auch einige Tropfsteine zu sehen sind. Die Eigenfarbigkeit des vielschichtigen Felsgesteins, gespiegelt in von Heilquellen gespeisten Wasserflächen, wird in einer mit eingespielter Musik begleiteten Lichtshow dem Publikum präsentiert. Durchaus beeindruckend. Glück auf!

Am Meer entlang.
Der Weg nach Walsburg, meinem nächsten Quartiersort, beginnt für mich bei 3° C. Macht aber nichts, dafür bin ich ausgestattet. Zudem sorgt der Weg für ausreichend „Abwärme“. Die entsteht durch die Muskelarbeit bei kilometerlangen Steigungen von im Schnitt von 8% oder kurzen heftigen von bis zu 23%. Selbst mit dem E-Bike in der zweiten Unterstützungsstufe habe ich da ordentlich zu arbeiten. Der Saale-Radweg ist hier wie auch bisher gut ausgeschildert, sodass ich mich nicht verfahren kann.
Mit der Talsperre Eichicht erreiche ich das sogenannte „Thüringer Meer“ mit einer über siebzig kilometerlangen Folge aneinandergereihter Stauseen: u. a. Hohenwarthe-, Burkhammer- und Bleilochstausee. Es ist die größte Stauseeregion Deutschlands. Auch als „Saalekaskade“ bekannt, wurde sie in den vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts zur - man höre und staune - Regulierung des Wasserstands der Elbe, immerhin so um geschätzte 170 Kilometer entfernt, für die dortige Schifffahrt angelegt. Heute wird in an ihr entlang gelegenen diversen Kraftwerken Energie erzeugt. Zudem haben sich diese künstlichen Seen zu einer stark genutzten Freizeitregion entwickelt.

Herausfordernd.
Dennoch sehe ich kaum Touristen auf dem Fahrrad. Dafür aber traumhafte Weitsichten, wenn ich nach heftigen Steigungen oben angekommen bin. Ansonsten ziehen sich die Wege, da viele Nebentäler mit angestautem Wasser gefüllt wie kleine „Fjorde“, zu umfahren sind. Kurz vor Ziegenrück bringt mich eine Fähren hinüber nach Linkenmühle. In Ziegenrück selbst wird offensichtlich alles für das traditionelle Walpurgisfeuer in der Nacht vorbereitet. Eine Hexenpuppe steht auf einem am Fluss aufgeschichteten Scheiterhaufen. Mitglieder der Feuerwehr schleppen Getränkekisten zu einem kleinen Verkaufsstand. So ist alles für einen geselligen Abend bereitet.

Kurz danach, immer den Fluss entlang, komme ich in meinem Quartier für die Nacht an. Es liegt in einem kleinen Dorf mit 51 Einwohnern an der Saale und an der Mündung der Wisenta in diese. Am Abend plausche ich bei einem kühlen Hellen mit zwei Radtouristen. Sie kommen aus der Leipziger Gegend und waren heute im bayrischen Hof gestartet. Anschließend erfahre ich, warum die Wirtin aus der Großstadt in diesen kleinen abgelegenen Ort gezogen und geblieben ist. Und dass hier immer weniger Radtouristen ankommen. Was wohl an der Strecke liegt, die den Fahrenden einiges abverlange. Das bekomme ich am folgenden Tag zu spüren. Doch zunächst geht es auf angenehmen Wegen durch den Wald. Vor Saaldorf jedoch wird der Weg herausfordernd. Kurz noch komfortabel ausgebaut, endet der Asphalt abrupt.

Ein unangenehmer Geröllweg beginnt mit einem Schild, das mir bis dato auf einer derartigen Strecke noch nie begegnet ist. Es fordert mich auf, von meinem Fahrrad abzusteigen. Es geht auf diesem unsicheren Untergrund steil bergab. Wer sein Rad liebt, der schiebt. Natürlich mit ständigen kurzen und wechselseitigen Bremsungen, damit es nicht ins Rutschen kommt.

Den Saaleturm lasse ich mir nicht entgehen. Aus über 40 Metern in der Höhe habe ich einen weiten Blick auf das gewundene Saaletal. Es ist der 1.Mai und schon ordentlich Betrieb. Auf dem sich langsam füllenden Parkplatz am Fuß des Turms singt ein Chor vor seinem Reisebus. Viele Menschen streben der naheliegenden Schloss Burgk zu, die ich kurz vorher noch hoch über dem Flussufer bewundern konnte. Wobei ich nicht sicher bin, ob ich nicht Stauseeufer sagen sollte. Denn der Fluss hat sich ja schon seit Hohenwarthe in eine Folge von Stauseen aufgelöst, die von Staumauer zu Staumauer ineinander übergehen.

Geröllgerüttele.
Anschließend wird’s eklig. Dieser Weg ist nichts für mich. Und eigentlich auch nichts für mein beladenes Fahrrad. Eher etwas für Menschen auf einem unbeladenen Gravel- oder noch besser Mountainbike. Drei Kilometer ordentlich nach oben, ebenso wieder hinab. Auf dieser Schotterpiste durch den Wald werde ich und wird mein Gepäck ordentlich durchgerüttelt. Ein Spötter hat auf ein Hinweisschild die Frage notiert, ob die Deutsche Bahn hier überschüssiges Material für den Weg gespendet habe. Meine zwanzig Zoll kleinen Reifen federn da nichts, aber auch gar nichts ab. Ich muss mich stark auf den Untergrund konzentrieren. Meiner Laune tut das überhaupt nicht gut. Da scheint der Weg gefühlt kein Ende zu nehmen. Hauptsache, aber Fahrrad und Gepäck nehmen diese Prüfung nicht übel. Diese Juckelei ist anstrengend.

In Saaldorf brauche ich eine Pause mit einem süßen Kaltgetränk. Von der Feiertagsstimmung bei gutem Wetter kriege ich da nicht viel mit. Allenthalben sind die Menschen an und auf dem Wasser, tunken an Angeln Köder hinein, paddeln, segeln, schwimmen. Die anderen grillen auf gefüllten Campingplätzen ihre mitgebrachten Leckereien und trinken in gut gelaunten Gruppen aus gekühlten Flaschen. In Blankenstein irre ich zunächst durch die Straßen und wurschtele mich wieder einmal durch eine staubige Baustelle, bevor ich meine Pension erreiche. Die freundliche zugewandte Art der Wirtin bei der Ankunft und ein abends in der Unterkunft zu meiner Überraschung frisch gezapftes Bier lassen meine Laune wieder steigen.
Höllental.
Es hat den Anschein, dass die Selbitz noch unberührt ihrem natürlichen Weg durch den Frankenwald folgen kann. Ich gehe auf einem naturnahen Wanderweg entlang des „Höllentals“, das der Fluss tief in das Vulkangestein gegraben hat. Ihr lautes Rauschen kündet von ihrer Fließgeschwindigkeit und den vielen kleinen und großen steinernen Hindernissen, die dem eiligen Wasser im Wege liegen. Das Tal ist ein beliebtes Ausflugs- und Wanderziel vieler Menschen an diesem verlängerten Wochenende bei sehr warmen Wetter. Mir wird es zu warm, so drehe ich bald hinter dem Höllensteg um und schlappe zurück. Damit bin ich kurz einmal im bayrischen Franken gewesen.

So komme ich nicht mehr nach Hölle, wo es ein gutes Café geben soll. Unterwegs muss ich meine Illusion von Unberührtheit des Flusses korrigieren. Natürlich wurde und wird die Kraft der Selbitz wie überall an derartigen Gewässern genutzt. Für Mühlen, für Kraftwerke an mit Wehren aufgestauten Stellen. Sicherlich auch für die spätere Holzindustrie. Dort, wo die Selbitz im thüringischen Blankenstein ihr bayrisches Wasser an die sächsische Saale abgibt, steht das, wie es heißt, modernste Zellstoffwerk Europas. Es zieht sich am Fluss fast länger als der Ort Blankenstein selbst hin. Der Zellstoff, der hier aus Holzschnitzeln und Rundholz gewonnen wird, ist die Vorstufe zur Papier- und Pappeproduktion. Gleichzeitig wird dort Energie erzeugt und seit wenigen Jahren ein spezielles Öl gewonnen, das zur Herstellung von Farben und Lacken sowie Biodiesel genutzt wird.
Am Nachmittag mache ich noch einen Spaziergang hoch hinauf zu den Rennsteig-Alpakas. Meine zwei Strümpfe aus den Siebensachen für diese Reise sind in Auflösung begriffen. Bei den Alpakas gäbe es so einen offenen Verkaufsschrank. Und siehe da, der Aufstieg lohnt sich. Ich finde zwei Paar Strümpfe in meiner Größe, lege das Geld in die Kasse des Vertrauens und habe so ruckzuck ein Problem gelöst.

Mein Quartier, „Café und Pension am Rennsteig“, habe ich für drei Nächte gebucht. Ich nenne normalerweise meine Unterkünfte in meinem Reiseblog nicht. Hier mache ich eine Ausnahme, denn die familiäre Atmosphäre zusammen mit dem Service machen einen Aufenthalt sehr angenehm. Hier beginnt oder endet, je nachdem, der Rennsteig, dieser 170 Kilometer lange meistbegangene Wanderweg Deutschlands. Und in der Pension ist entsprechend der Wandersaison immer etwas los. Abends sitze ich nach einem von der Wirtsfamilie servierten Essen mit Wandersleuten noch bei Bier und Schnaps zu einem netten Plausch zusammen. Die Pensionswirtin hilft mit vielen Infos weiter und ist auch neugierig, was die Menschen auf ihrem Weg so erlebt haben. Alle fühlen sich angenommen und angekommen. Und da ich ja lange allein unterwegs bin, tut mir das besonders gut. Balsam für die Seele. Gerne wieder!
Von mir verfasst im Juli 2026. Es folgt dann bald der Beitrag zur 16.Etappe. Ich setze mich gleich daran, ihn zu verfassen. Es grüßt Euer „Alter Mann am Fluss“. (Die von mir vorgesehenen Tondateien werden später, nach Beheben technischer Probleme, eingefügt.)