#17 Main und Kanäle

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Die 17.Etappe findet vom 13. bis 20.Mai 2026 in Bayern statt. Ich orientiere mich am Main, am Main-Donau-Kanal, an der Regnitz und der Rednitz und am Ludwig-Donau-Main-Kanal. Von Bad Staffelstein komme ich über Kulmbach, Bamberg, Erlangen und Schwarzenbruck nach Roth-Pfaffenhofen. Ich lege dabei insgesamt 190 km mit dem Fahrrad von Oberfranken nach Mittelfranken zurück. Dabei verlasse ich das thüringisch-fränkischen Mittelgebirge, erreiche den Bereich der fränkischen Alb und befinde mich damit für die nächste Zeit im südwestdeutschen Mittelgebirgsland. Wer sich meine Etappe in der ursprünglichen Planung anschauen will, findet hier den Link zur Route (ohne meine Abstecher, Änderungen und Umwege) auf komoot: (Die auf dieser sich öffnenden Seite befindlichen Fotos und Texte stammen von anderen Autor*innen.)

Flüsse und Kanäle.

Ich bin auf dem Weg nach Bamberg. Allerlei frühlingsgrüne Halme auf Feldern und Wiesen haben sich schon weit aus der Erde gewagt. Sie wogen im kalten Wind wie Wellen hin und her. Als ich kurz nach dem Start meine Regenkleidung mit der Jacke komplettiert hatte, hörten die Regentropfen auf zu fallen. Die Wettervorhersage rechnet heute mit 3-8 °C in meiner Gegend. Das ist aushaltbar, aber anstrengend durch ständigen Gegenwind. Doch ich bin ein Glückspilz, es bleibt trocken bis Bamberg. Die Landschaft weitet sich stetig bis dorthin. Ich bin auf angenehmem Fahrgrund unterwegs, selbst die unbefestigten Wege sind gut zu bewältigen in der wieder von vielen Kiesgrubensenn geprägten Flusslandschaft. Alles in allem für mich ein schöner Tag zum Radfahren.

Der Staffelberg schaut mir noch lange hinterher. Ich bin schon 20 Kilometer gefahren, da sehe ich immer noch deutlich und markant hinter mir diesen Berg. Unverkennbar wie ein Zeichen in der Landschaft. Bevor ich die Stadt erreiche, stärke ich mich am Mittag in einer Metzgerei mit einem Fleischkäsesemmel. Die Fleischersfrau fragt mich nach woher und wohin. So kommen wir ins Gespräch und sie erzählt mir angeregt durch mich von ihren Urlaubsfahrten mit Mann und Kindern und Motorrad mit Beiwagen im Süden Europas vor zig Jahren. Kinder, wo ist die Zeit bloß hin? Damit verabschieden wir uns nachdenklich.

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Am Rande Bambergs statte ich einem Kilometerschild am Flussufer einen Besuch ab. Der Kilometer Null des Main-Donau-Kanals wird angezeigt. Er liegt an der Mündung der Regnitz in den Main. Aber wie passt das zusammen? Flussufer und Kanal? Diese meine Verwirrung wird wohl bis Kelheim andauern. Denn bis dahin wird der künstliche Wasserweg noch über unzählige Fließgewässer geführt. Er wird in die Betten anderer Flüsse geleitet, sie zeitweise in sich aufnehmen und wieder entlassen, das Landschaftsbild beherrschen. Bei Kilometer Null des Kanals mündet die Regnitz tatsächlich in den Main. Und doch wird sie wiederum ab hier ihrer Fließrichtung entgegen und mit ihrem Flussbett zum Main-Donau-Kanal, zu einer schiffbaren Bundeswasserstraße erklärt. In der Stadt teilt sie sich in zwei Arme auf. Erst nach sechs Kilometern zweigt der gebaute Kanal mit der Schleuse Bamberg vom rechten Regnitzarm ab. Nach 170 km wird der Kanal bei Kelheim in der Donau enden. 1960 begannen die Bauarbeiten in der Landschaft und dauerten 32 Jahre. Am Ende wurde ein Mehrfaches der zu Beginn vorgesehenen Milliardenkosten notiert - zu der zeit noch D-Mark. Also schon damals ein „Stuttgart 21“ oder „Flughafen Berlin“? Der Nutzen jedenfalls bleibt bis heute weit unter den damals erwarteten Schätzwerten.

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Schiffsüberführung auf dem Main-Donau-Kanal

Feiertag.

Der Vorgänger des Main-Donau-Kanals ist der Ludwig-Donau-Main-Kanal. Die letzte der hundert Schleusen dieser im 19.Jahrhundert erbauten Wasserstrasse von Kelheim her kommend wird in Bamberg noch sehr gut erhalten. Also auf dorthin. Die Öffis funktionieren gut. Ein Linienbus bringt mich in die Innenstadt. Heute ist Feiertag - Himmelfahrt alias Vatertag - und durch die Stadt ziehen Pulks von Touristen. Sind die Biergärten schon voll mit Männern, habe ich Glück, in einem Café gerade noch den letzten Platz zu ergattern, um zunächst einmal einen starken Americano zu trinken. Dann wandere ich Richtung Schleuse 100. 

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Schleuse 100 des Ludwig-Donau-Main-Kanals

Die Altstadt mit ihren ansehnlichen Bauten direkt am Wasser könnten mich auch interessieren, aber es sind auch touristische Highlights und ich habe heute keine Lust auf Massen von Menschen. Zumal immer mal wieder Regenschauer über mich hinweg ziehen. An der Schleuse 100 endete der bis 1950 in Betrieb befindliche Ludwig-Main-Donau-Kanal. Sie wird als Denkmal erhalten und ist der Hinweis auf den später in die gleiche Richtung erbauten modernen Kanal. Hier sind nur eine Handvoll Menschen unterwegs und ich habe ein wenig Ruhe, zu verweilen. Da entdecke ich einige Meter weiter an der Regnitz unverhofft eine kleine Personenfähre. 

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Personenfähre über die Regnitz

Eine Fähre will immer von mir benutzt werden, da komme ich nicht dran vorbei. Dieser kleine „Nachen“ ist mit ganz viel bürgerschaftlichem Engagement entstanden und ersetzt eine an dieser Stelle im letzten Jahrhundert befindliche Fußgängerbrücke. Das Fährschild am Anleger weist sie als „Don Bosco Fähre“ in Trägerschaft einer sozialen Einrichtung aus. Und welch ein Glück, sie ist in Betrieb. Und welch ein weiteres Glück, dass am gegenüberliegenden Anleger ein einheimischer Radfahrer zusteigt. Im Verlassen der Fähre kann ich ihn und die Fährfrau gerade noch fragen, ob sie mir ein einheimisches Lokal für ein Vatertagsbier empfehlen können. Schon im Ablegen begriffen, ruft mir der Radler zu, ich solle mal ins „Greifenklau“ schauen. 

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Vatertag in Bamberg

Und wieder habe ich Glück! Nach einem allerdings mühsamen Aufstieg im bergigen Teil Bambergs jenseits des linken Regnitzarms erreiche ich in einiger Entfernung zu Fuß die gleichnamige Gaststätte „Greifenklau“ mit eigener Hausbrauerei. Und finde im Biergarten noch ein überdachtes Plätzchen. Dort lasse ich mich von Einheimischen neben mir auf der Bank für ein Beweisbild für meine Söhne mit einem fränkischen Vatertagsbier in der Hand fotografieren. Danach bestelle ich mir natürlich noch ein paar fränkische Bratwürste mit Sauerkraut und frischem Brot. Muss sein im Frankenland. 

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Fahrradweg am Main-Donau-Kanal

Räder im Fluss.

Ich verlasse Bamberg an der Regnitz Richtung Erlangen und wechsele immer wieder für lange Strecken auf den schnurgeraden Weg entlang des Main-Donau-Kanals. Eine Fähre über die Regnitz ist in Betrieb und muss natürlich von mir genutzt werden. Ein Königreich für eine Fähre!

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Fähre über die Regnitz

Bei Möhrendorf mache ich einen kurzen Abstecher an die parallel fließende Rednitz. Ich möchte mir die als einzigartiges Kulturdenkmal in Mitteleuropa bezeichneten Schöpfräder anschauen. Ich bin überrascht über den unspektakulären Ort, den ich vorfinde. Am Rand der Straße hinab zum Flussufer beschreibt ein Schild den Ort. Seit dem Mittelalter wurden mit dieser Schöpftechnik Wiesen und Äcker bewässert. Die Vorlagen für diese jahrtausendealten Holzkonstruktionen wurden damals vermutlich von Pilgern oder Kreuzrittern aus dem Nahen Osten nach Franken gebracht. Den Weg zu den Schöpfrädern finde ich zugewachsen vor und die Räder, die ich ausmachen kann, sind bis auf eines offensichtlich in keinem guten Zustand. 

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An den Schöpfrädern bei Möhrendorf

Erst im Nachhinein erfahre ich, dass jedes der am Fluss noch befindlichen Schöpfräder vor dem Winter abgebaut und danach wieder aufgebaut wird. Alles in ehrenamtlicher Arbeit, eingebettet in ein System von Patenschaften. Vielleicht sind der Ort und die Zuwegung für die kommende Sommer-Saison deswegen noch nicht abgeschlossen und machen auf mich diesen bedauerlichen Eindruck. Es ist sicherlich eine mühevolle Arbeit, sie für die Allgemeinheit auf diese Art und Weise zu erhalten. 

Wiedergefunden.

Vom trubeligen Erlangen geht es weiter auf sehr abwechslungsreichen Strecken mit dem Ziel Schwarzenbruck. Langweilig am Main-Donau-Kanal, nervig an viel befahrenen Straßen und in Gewerbegebieten der Außenbezirke von Nürnberg und Fürth, angenehm durch grüne Landschaften entlang der munter rauschenden Rednitz. 

Tonmix Straßenlandschaften
Das Fließen der Rednitz

Ich verlasse meine Fahrtrichtung und mache einen Schlenker nach Westen. Als ich den Ludwig-Donau-Main-Kanal erreiche, meine ich, exakt an dieser Stelle schon im August 2011 einmal eine Rast auf meinem Weg mit dem Liegerad Richtung Süden nach Marokko eingelegt zu haben. Das „Weiße Häusla“ muss der kleine Imbiss mit Biergarten sein, an dem ich damals eine Portion Nürnberger Rostbratwürstchen genoss. Die stehen heute leider nicht auf der Karte. So fahre ich wie damals entspannt den Weg an dem stillgelegten alten Kanal weiter.

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Fahrradweg am Ludwig-Donau-Main-Kanal

Klamm.

Der Grund für meinen Schlenker in diese Richtung ist die Schwarzach-Klamm. Mit mir sind heute zusehends viele Wandersleute und Familien dort unterwegs. Das über viele tausend Jahre von den Wassern tief in die Sandsteinfelsen eingeschnittene Tal ist auf gut ausgebauten Wegen und Stegen angenehm zu begehen. Die imposanten, zum Teil glatt geschliffenen Felsen und Höhlen beeindrucken. Ebenso der alte Baumbestand, zum Teil aberwitzig in das Gestein gekrallt. Ein Ort, zur Ruhe zu kommen. Doch auch hier täuscht die Urtümlichkeit. Das Wasser wird von einem Wehr gestaut, ein Kraftwerk nutzt das schnelle Fließen, auch ein Klärwerk bedient sich der Schwarzach, die nach ungefähr 15 km in die Rednitz mündet.

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In der Schwarzach-Klamm
Tonmix in der Schwarzach-Klamm

Im Ortsteil Pfaffenhofen von Roth endet diese Wochenetappe. Ein Gästehaus zeigt sich als idealer Ort, da die S-Bahn in die Stadt Roth fußläufig erreichbar ist. Außerdem gibt es am Haus einen überdachten Sitzplatz im Freien. An einem derartigen Ort findet sich immer Gelegenheit, mit anderen Gästen in Kontakt zu kommen. Für mich als Alleinreisenden sehr willkommen. Am ersten Abend treffe ich auf zwei Pfeifchen schmauchende Männer, die hier an einem deutschlandweiten Seminar von PfeifenraucherInnen teilnehmen. Was es alles gibt! Am folgenden Abend sitze ich mit einem Referenten der in Roth ansässigen Offiziersschule am überdachten Tisch im Freien. Wir quatschen und mäandern durch Themen wie Reisen, Fahrrad, Autos, Öffis, Stadt und Land, Enkel, Zeiten ohne digitale Geräte, Wüste, Dromedare und enden beim Ziel meiner mehrmonatigen Reise Oberstdorf. Es fließt wie die benachbarte Regnitz. Und Oberstdorf soll richtig schön sein. Da könne ich drauf freuen. Wie schön!

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Die Rednitz bei Roth

Die Stadt Roth nutze ich für mich und meine Infrastruktur: Bares abheben, Buch kaufen, Lottoschein abgeben, zum Friseur gehen. Ein Thaimassage buchen, die leider nicht zu einer Besserung meiner Schulterschmerzen führt, Kaffee und Kuchen genießen. Im Gästehaus zurück erledige ich Reise-Hausaufgaben: Tagebuch schreiben, Fotos auf dem Smartphone sortieren, auf WhatsApp die neuesten Notizen hinterlassen, während in der benachbarten Kirche jemand auf der Orgel übt. Draußen sitzend, bei wechselndem Sonnenschein versende ich schon mal die Vorankündigung für die Einladung zu meinem 75. Geburtstag. Das fällt mir nicht leicht. Aber sei es wie es sei. Ich bin für die nächste Etappe gerüstet.

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Kanalbrücke über die Rednitz

Dank.

Ich bedanke mich hier einmal pauschal für den wohltuenden und ermunternden Zuspruch aus der Runde der LeserInnen dieses Reiseblogs. Ihr seid damit ein wichtiger Teil meiner Reise. Über tausend Fahrradkilometer liegen noch vor mir. Die reichen weit in die nächsten Jahre. Das ist auf der einen Seite ein wenig ehrfuchtseinflößend. Auf der anderen Seite aber auch aufbauend. Planung, Duchführung und Nacharbeit für den Blog betrachte ich als mein Alters- und Alternsprojekt, das mich fordert und positiv nach vorn blicken läßt. Auch wenn der Körper und Geist des jetzt 75jährigen da und dort ein wenig mehr Respekt und Rücksicht einfordert. Das beachte ich. Ich würde mich freuen, wenn ihr mich weiter auf die geschätzt zweite Hälfte begleiten würdet. Bis ich gut am Meer, an der Nordsee angekommen sein werde.

Von mir verfasst im August 2026. Die Tondateien auch der vorherigen Blogbeiträge sind mittlerweile mit freundlicher Hilfe von Walter W. Eingefügt worden. Ich werde mich dann bald an die nächste Folge setzen. Es grüßt Euer „Alter Mann am Fluss“.