#14 Entlang der Saale

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Die 14.Etappe findet vom 18. bis 27.April 2026 in Sachsen-Anhalt und Thüringen statt. Ich orientiere mich weiter am Lauf der Saale flussaufwärts. Von Halle gelange ich so über Leuna und Naumburg nach Jena. Ich lege dabei insgesamt 168 km mit dem Fahrrad zurück und bewege mich im Bereich des mittleren Saaletals durch den westlichen Rand der Leipziger Tieflandsbucht. Wer sich meine Etappe in der ursprünglichen Planung anschauen will, findet hier den Link zur Route (ohne meine Abstecher, Änderungen und Umwege) auf Komoot:  (Die auf dieser sich öffnenden Seite befindlichen Fotos und Texte stammen von anderen Autor*innen.)

Rumpelig.

Der Beginn meiner in diesem Jahr für zusammenhängend acht Wochen geplanten Fahrradreise beginnt wieder einmal holprig: Wegen Bauarbeiten auf der Bahnstrecke, wegen nicht passender Aufhängungen für mein Fahrrad im gebuchten Intercity der Bahn und eines deswegen unterwegs erzwungenen Umstiegs in einen anderen Waggon; nach der Ankunft in Halle wegen der üblichen Verständigungsschwierigkeiten mit meinem Navi und wegen schlechter Wetteraussichten für die kommenden Tage. Dazu spüre ich, dass ich innerlich überhaupt noch nicht bei der Reise bin, eine Unentschiedenheit, die mich die nächsten zwei Wochen ungewöhnlich lange begleiten wird. Ich spüre keine wirkliche Vorfreude, mir fehlt die mentale Einstellung, die Lockerheit. Na, das kann ja heiter werden. Doch das nächste Ziel, die Saalequelle zu erreichen, lockt. Ich lege einfach mal los. Schließlich will ich ja noch die Alpen erreichen.

Im Dunkeln.

Unsicher taste ich mich Schritt für Schritt in einen gänzlich in Schwarz gehaltenen unbeleuchteten Raum vor. Ich sehe nichts in dieser Schwärze, außer einem einzigen Lichtfleck, der von einer ebenso schwarzen Vitrine herrührt. Er ist so spärlich, dass er den Raum, in dem ich mich befinde, nicht erhellen kann. Soll er auch nicht. Hinter dem Glas der Vitrine wird ein runder Gegenstand beleuchtet, eine kleine runde Scheibe. 

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Schauvitrine in schwarzem Raum

 

In der aushängenden Beschreibung des angrenzenden Ganges des „Landesmuseums für Vorgeschichte“ wird sie als die „Himmelsscheibe von Nebra“ angekündigt und ihre Herkunft und Geschichte informativ beschrieben. Ich hatte schon irgendwann einmal von ihr gehört und mir jetzt vorgenommen, die Gelegenheit des Beginns meiner Reise in Halle zu nutzen, sie zu sehen. Ihre besondere Präsentation, dieses scheinbare Schweben in der Dunkelheit des Raumes, unterstreicht durchaus die Bedeutung, die ihr zugeschrieben wird. So, wie aus dem Dunkel von Raum und Zeit zu uns gekommen. Immerhin wird ihr Ursprung in die Bronzezeit datiert, also vor etwa 3600 Jahren. Ihre Bedeutung wiederum ist nicht völlig geklärt, der Sinn und Zweck der auf die grün angelaufene Bronzescheibe applizierten Zeichen aus Gold sollen astronomische und religiöse Symbole darstellen. Das Auffinden und der komplizierte Weg der Scheibe in das Museum ist eine Geschichte  für sich, die ein Krimi genannt werden könnte.

Zur gleichen Zeit zeigt das Museum in einer Sonderausstellung „Die Schamanin“ archäologische Funde einer 9000 Jahre alten nacheiszeitlichen Grabstelle aus dem heutigen Bad Dürrenberg, einem Ort in der Nachbarschaft von Halle. Neben der Vielfalt, Menge und offensichtlichen Vollständigkeit der aufgefundenen Gegenstände beeindruckt die Ausstellung durch die Ergänzung mit schamanischen Gewändern und Utensilien aus anderen nördlichen Gegenden. Dieser Museumsbesuch hat sich gelohnt. Archäologie kann ganz schön spannend sein. 

Draußen vor dem Eingang stehe ich voll der Eindrücke und muss mich vor strömendem Dauerregen schützen. Ich verzichte deswegen auf eine weitere Erkundung Halles und des verzweigten Weges des Saalewassers durch die Stadt. Ich sehe zu, mit Öffis möglichst trocken meine Pension zu erreichen.

 Leuna.

Am nächsten Tag starte ich in Halle. Die Temperatur hält sich bei 6°C, der starke Regen des Vortags ist in einen leichten Dauernieselregen übergegangen. Meine Regenkleidung hält dem stand und zum Glück habe ich nicht weit zu fahren. Zudem schiebt mich ein leichter Rückenwind durch die überwiegend städtische Landschaft mit unterschiedlichem Geläuf. Überquere die Weiße Elster, komme vorbei an der Reide und der Alten Saale. Zeitweise begleiten mich die Schienen der Straßenbahn nach Bad Dürrenberg durch Wohn-, Gewerbe- und Industriegebiete. In Merseburg lasse ich in einem türkischen Café am Bahnhofsplatz meine Regenkleidung kurz abtrocknen. Außer einem Kaffee mit Baklava,  kann mir als einzigem Gast nichts weiter angeboten werden. Danach erreiche ich durch die Stadt Leuna und entlang der Silhouette des sich kilometerweit hinziehenden Industriegebiets selben Namens mein Quartier in Spergau. 

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Silhouette des Industrieparks Leuna

Der Industriepark Leuna ist einer der größten Standorte der Chemieindustrie in Deutschland. Seine Ausmaße beeindrucken. Vom abgeschotteten Gelände mit seinen namhaften Unternehmen mit ihren Produktionsbetrieben und Großlaboren hätte ich gerne mehr gesehen. Doch ich sehe auch bei meiner Umrundung am nächsten Tag über viele Kilometer nichts davon als die Silhouette.

Nahegelegene Braunkohlegruben lieferten im letzten Jahrhundert anfänglich große Teile der Rohstoffe für die angesiedelten Fabriken der BASF und I.G.Farben. Die Saale nahm über Jahrzehnte anfallende Industrieabwässer auf und wurde damit lange Zeit Teil eines ökologischen Krisengebiets, das von hier über Halle bis nach Bitterfeld reichte. Das Wasser der Saale hat sich bis heute so weit erholt, dass es wieder zum Schwimmen genutzt werden kann. Das Vereinsschiff „Make Science“ der BürgerforscherInnen Halle kontrolliert seit einigen Jahren regelmäßig die Wasserqualität. Angler fischen mittlerweile die bis dahin verschwundene Bachforelle wieder aus dem Fluss. Die Schadstoffe sind jedoch nicht verschwunden. Sie liegen im Sediment gebunden auf dem Grunde der Saale. 

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Werbebanner im Industriepark Leuna

 

Die ehemaligen Braunkohlegruben haben sich als Bergbaufolgelandschaft mit dem Geiseltalsee und anderen zu einem großen Naherholungsgebiet entwickelt.

Weinberge.

Am Morgen kräht der Hahn, der Himmel ist blau, die Sonne scheint, die Luft ist nicht mehr ganz so kalt wie gestern. Auf den Feldern beginnt der Raps zu blühen, über den sattgrünen Wiesen liegt ein knallgelber Löwenzahnteppich. Erste Weinberge sind zu sehen mit ihren in Reih und Glied wachsenden Weinstöcken. 

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Weinberg an der Saale

 

In Dörfern sind sie als schmale markante Hausgärten an steilen Hängen einer neben dem nächsten aneinandergereiht. Ich durchquere oder passiere einige Weindörfer, bevor ich mich entschließe, einen kurzen Abstecher mit schweißtreibenden 20% Steigung hinauf zum sogenannten „Sonnenobservatorium“ von Goseck zu machen. Ich finde es mit Holzpfählen nachgestellt auf einer grünen Wiese. 

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Das Himmelsobservatorium von Goseck

 

Es steht dort schlicht und blank im Rund auf einem kleinen Plateau, das einen weiten Blick in die sanft gewellte Landschaft bietet. Ein Informationszentrum zu diesem archäologischen Objekt soll sich im nahen Schloss Goseck befinden. Das lasse ich rechts liegen und rolle den Abhang hinunter zurück ins Saaletal. Kurz vor Naumburg in der Nähe der Mündung der Unstrut kann ich am „Blütengrund“ mit der kleinen Personenfähre übersetzen. Mit meinem schweren Ebike ist das nicht so einfach zu bewerkstelligen: Packtaschen abladen, Stufen zum Anleger hinab, alles über die Bordwand hinein- und hinaushieven und am anderen Ufer viele Stufen wieder hinauf. Die Schlepperei verlangt mir einiges ab. 

Dom.

Die 240 Stufen den Turm der Naumburger Kirche St.Wenzel hinauf fallen mir leichter. Ich habe ja auch kein bepacktes Fahrrad dabei. In einer häufig gewundenen Spirale geht es hoch hinauf. Von den Räumen des Türmers, der hier vor Zeiten seinem Dienst nachging, noch einmal einige Stufen bis zu einem offenen Rundgang. Von diesem aus habe ich bei klarem Wetter einen ungetrübten Blick über die Stadt, zum Dom und in alle Himmelsrichtungen in die Landschaft bis zum Horizont. 

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Blick von St.Wenzel zum Naumburger Dom

 

Das mittägliche offene Orgelkonzert „punkt zwölf“ findet leider erst ab Mai statt. So ziehe ich weiter zum Dom St. Peter und Paul - seit 2018 Weltkulturerbe - und schließe mich einer kundigen Führung an. Diese hat natürlich neben den alten und neuen Glanzlichtern die besondere Bedeutung der von einem unbekannten mittelalterlichen Steinbildhauer geschaffenen Figurengruppe der zwölf Domstifter zum Mittelpunkt. Die nicht nur eine kunstgeschichtliche Bedeutung hat, sondern mit ihren Figuren als interessante Protagonisten im Mittelpunkt der Erzählung der Dom- und Stadtgeschichte dient.

(Ton-Mix Raumklang Naumburger Dom)

Lockerheit.

Das Tal der Saale wird enger, die begleitenden Höhenzüge rücken näher, steigen weiter hinan, lassen Fluss, Straßen und Bahnlinie dichter zusammenrücken. Auf guten Wegen, vorbei an Weinbergen, Burgen auf schwindelerregend hohen Felsen und durch kleine Weindörfer komme ich gut voran. 

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Die Rudelsburg über der Saale

 

(Ton-Mix Wasserlauf ohne Namen am Wegesrand)

 

In Bad Kösen gönne ich mir in einem belobigten Café ein zweites Frühstück in Form von Kaffee und Kuchen. Bei Großheringen erreiche ich das Bundesland Thüringen. War ich die letzten Tage überwiegend allein und einsam unterwegs, begegnen mir, je näher ich Jena komme, zunehmend Radfahrer*innen aller Art. Über mir schweben Drachenflieger. 

Es geht aufs Wochenende zu, das Wetter bleibt stabil gut. Ich will es für mich nutzen. Aber erst einmal muss die benutzte Kleidung einer Woche gewaschen werden. Mein Proviant benötigt eine Auffrischung. Stelle mich dafür in eine lange Warteschlange beim französischen Bäcker um die Ecke meines Quartiers. Das zweite Mal nach Naumburg gönne ich mir noch einmal eine thailändische Massage hier vor Ort. Meine Schulter hatte sich weiterhin mit Schmerzen gemeldet. Die werden leider allen Massagen und gymnastischen Übungen zum Trotz bis zum Ende der Reise anhalten. 

Der Paradiespark auf der Rasenmühleninsel an der Saale lädt nicht nur mich zu einem Spaziergang ein. Es herrscht ein buntes heiteres Treiben. Menschen allen Alters und jeglicher Hautfarbe genießen die Atmosphäre und das Sommerwetter im April. Die entspannte Stimmung um mich herum überträgt sich auf mich und mein Schlendern. 

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Selfie auf der Rasenmühleninsel in Jena

 

Das erste Mal seit dem Start fühlt sich meine Reise gut an. Auf dem Rasen sitzen Familien beim Picknick, es wird gegrillt, Sport getrieben, Kinder wieseln herum. Ich schließe mich auf meine Weise an und suche mir ein Plätzchen für eine Folge von QiGong-Übungen. Möge die Lockerheit weiterhin mit mir sein.

SaaleHorizontale.

Diese Stimmung rette ich in den nächsten Tag hinüber. So starte ich am frühen Morgen mit der Straßenbahnlinie 1 zum Uniklinikum. Dort wartet auf mich der Einstieg in die „SaaleHorizontale“. Hier beginnt die erste von neun Etappen dieses Fernwanderwegs, der als „Qualitätsweg Wanderbares Deutschland“ ausgezeichnet ist. Diese erste Wanderetappe wird allgemein als schwer beschrieben. Man sollte auf jeden Fall „..trittsicher sein, frei von Höhenangst und schwindelfrei…“. Mutig habe ich mir als nicht gerade geübter Wandersmann diesen erste Abschnitt vorgenommen. Den Aufstieg bewältige ich erstaunlich gut. Angenehmes Wetter sorgt für herrliche weite Ausblicke über die Stadt und bis zum Horizont der Landschaft, die ich demnächst durchfahren werde. Ich erreiche auf halbem Weg  nach oben die Ruine der Lobdeburg. Nach geschätzt sechs Kilometern geht es durch den Wald hinab zu einer sprudelnden Quelle, dem sogenannten Fürstenbrunnen. Zeit für eine kurze Rast und zum Auffüllen verbrauchter Körner. Doch wo es runter geht, geht es auch wieder rauf - alte Radfahrerweisheit. So auch hier. Nach kurzem Anstieg erreiche ich den Teil des Weges, der zum Hinweis von „trittsicher … schwindelfrei … Höhenangst“ führte. 

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Weg der "SaaleHorizontale" an den Muschelkalkhängen über Jena

 

Beim Anblick des weiteren schmalen Verlaufs wird mir ein wenig mulmig. Rechts am Fels des von oben herabreichenden Abhangs muss ich mich teilweise eng vorbei auf dem ab hier wie hinein gefräst wirkenden Geläuf drücken. Denn einen Schritt nach links geht es schon abrupt fünfzig oder mehr Meter steil in die Tiefe hinab. Bei Gegenverkehr, also Wandersleuten, Läufer*innen (Chapeau!) und Mountainbiker*innen (sind die irre?) sind Stellen zum Ausweichen gefragt, um sicher aneinander vorbei zu kommen. 

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Wanderweg der "SaaleHorizontale" mit Wanderern (linkes oberes Bildviertel)

 

Die Ausblicke ins Tal auf diesem Abschnitt sind natürlich einzigartig. Am Endes meines Weges bin ich erstaunt, wie gut ich ihn bewältigt habe. Aber lobe nicht den Tag vor dem Abend. Denn es geht beständig zwar auf gutem Untergrund am Stadtrand, doch bei durchgehend fünfzehn bis zwanzig Prozent Gefälle lange bergab. Das sorgt bei mir für heftige Schmerzen in den Oberschenkeln. Nur gut, dass ich den Weg nicht von hier aus begonnen habe. Und nur gut, dass die Straßenbahn wieder ganz in der Nähe hält. Und das nicht weit von meinem Quartier. Ich brauche lange, um mich von diesem letzten Stück Weg zu erholen.

Von mir verfasst im Juli 2026. Es folgt dann bald der Beitrag zur 15.Etappe. Ich setzt gleich daran, ihn zu verfassen. Es grüßt Euer „Alter Mann am Fluss“.